Überträger von Candidatus Phytoplasma mali

Seit der ersten Beschreibung von Blattsaugern als Überträger von Apfeltriebsucht im Jahre 2000 in Italien, wurden Psylliden-Arten in mehreren europäischen Ländern wiederholt als Vektoren von Ca. Phytoplasma mali nachgewiesen. Neben Blattsaugern wurden auch positive Übertragungsversuche mit der Zikade Fieberiella florii in Deutschland und Italien beschrieben. In Deutschland konnte dieses Ergebnis trotz großer Anstrengungen jedoch nie mehr wiederholt werden. In den Untersuchungen im Rahmen des INTERREG-Projekts wurden nur sehr wenige Fieberiella florii in den Apfelanlagen gefunden, die nie eine Infektion mit Ca. Phytoplasma mali aufwiesen.
Als Überträger von Apfeltriebsucht gelten heutzutage die Psylliden-Arten Cacopsylla picta (vorm. C. costalis), welche als Hauptüberträger in den meisten europäischen Ländern (Deutschland, Norditalien, Frankreich, Tschechien) beschrieben wurde, und Cacopsylla melanoneura, welche vor allem im Aostatal als Vektor gefunden wurde.

 
Jungtier C. picta   Überwintertes Tier von C. melanoneura


Biologie der Psylliden

C. picta ist verbreitet im gesamten palearktischen Raum und lebt monophag auf Malus-Arten. C. picta ist univoltin, d.h. es gibt nur eine Generation pro Jahr. Die Tiere überwintern als Adulte auf Koniferen, kehren im zeitigen Frühjahr (ab März) auf ihre Wirtspflanzen (Malus spp.) zurück, wo die Eiablage und die gesamte Larvalphase mit 5 Larvenstadien vollzogen wird. Die jungen Imagines verlassen die Apfelbäume im Frühsommer (ab Juli) und migrieren zu ihren Überwinterungswirten. Auch C. melanoneura ist palearktisch verbreitet, lebt aber oligophag auf Crataegus, Malus und anderen Rosaceen-Arten. Die Biologie ist sehr ähnlich der von C. picta: C. melanoneura überwintert ebenfalls als adultes Tier auf Koniferen, die Migration im Frühjahr zu den Wirtspflanzen erfolgt jedoch etwas früher als bei C. picta (ab Februar). Nach der Larvalentwicklung verlassen die jungen Imagines daher bereits ab Juni die Wirtspflanzen, um zu ihren Überwinterungswirten zu migrieren. Auch andere Psylliden-Arten wurden in diesem Zeitraum regelmäßig auf Malus gefunden, zeigten aber niemals eine Infektion mit Ca. Phytoplasma mali.
Auch die Blattsauger-Art Cacopsylla mali hat keine Bedeutung als Überträger von Apfeltriebsucht, obwohl sie in großen Populationen vor allem in unbehandelten Anlagen und Streuobstwiesen vorkommt. Diese Art überwintert als Ei auf Apfel und vollzieht dort ihren gesamten Lebenszyklus.



 
Larve von C. picta   Larve von C. melanoneura


Die Ergebnisse des INTERREG-Projekts bestätigen frühere Daten aus Deutschland, dass C. melanoneura in den Anbaugebieten nördlich der Alpen keine Rolle bei der Übertragung der Apfeltriebsucht spielt (s. Befallsitutation -> Psyllidenpopulation). Der Hauptüberträger in diesen Gebieten ist C. picta. Es werden daher im Folgenden die Daten für C. picta vorgestellt, die für eine eventuelle Bekämpfung dieses Überträgers wichtig sind.



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Populationsdynamik von Cacopsylla picta

Die Populationsdynamik von C. picta wurde anhand regelmäßiger Psyllidenfänge mit der Klopfmethode in Deutschland in den Regionen Vorderpfalz, Südpfalz, Nordbaden, Mittelbaden und Südbaden, in Frankreich in der Region Elsass und in der Schweiz in den Kantonen Aargau und Solothurn ermittelt. Dargestellt ist die Gesamtzahl an Tieren, die zu einem bestimmten Klopfdatum in allen beprobten Anlagen einer Region gefangen wurden. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass die Anzahl beprobter Anlagen pro Region unterschiedlich ist. D.h. der aufgetragene Wert pro Zeitpunkt für die Vorderpfalz ist der Gesamtwert aus 4 Anlagen, für die Südpfalz aus 4 Anlagen, für Nordbaden aus 2 Anlagen, für Mittelbaden aus 2 Anlagen, für Südbaden aus 1 Anlage, für das Elsass aus 3 Anlagen und für die Schweiz aus 2 Anlagen (je 1 Aargau und Solothurn).

Erfasst wird bei der hier durchgeführten Klopfprobenmethode der Lebensabschnitt von C. picta auf dem Hauptwirt Apfel zwischen dem ersten Auftreten der überwinternden Adulten und der Migration der jungen Generation zu Zwischen- oder Überwinterungswirten. Die überwinternden Adulten sind von Mitte März bis Ende Mai in den Anlagen zu finden. Die Eiablage erfolgt Ende April auf Apfel. Nach der anschließenden Larvalentwicklung über 5 Stadien verlassen die jungen Imagines der neuen Generation im Juni den Apfel sofort.

Die nachfolgende Grafik stellt die Populationsdynamik in den beteiligten Regionen für das Jahr 2005 dar. Wie aus der Darstellung zu erkennen, ist das erste Auftreten der überwinternden Adulten in den verschiedenen Gebieten zeitlich sehr ähnlich.
Die Größe und der Zeitpunkt der höchsten Populationsdichte ist stärker abhängig von den regionalen Klima- und Kulturbedingungen und daher etwas heterogener. Zwischen dem Vorkommen der überwinternden Adulten und dem ersten Auftreten der jungen Tiere liegt die Phase der Larvalentwicklung. Das Erfassen der jungen Tiere in der Anlage mithilfe der Klopfmethode ist sehr schwierig, da sie sehr mobil sind und sehr schnell die Apfelbäume verlassen, um auf andere Pflanzen zu fliegen. Das Migrationsverhalten der jungen Generation von C. picta wird noch untersucht.




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Migrationsdaten von C. picta

Neben dem Gesamtverlauf der Populationsdynamik sind die konkreten Migrationsdaten wichtig für eine wirksame Bekämpfung der Überträger. Aus der Populationsdynamik können z.B. der Zeitpunkt des ersten Ankommens überwinternder Tiere auf Apfel, der Zeitraum der höchsten Populationsdichte und das Auftreten der ersten Imagines der jungen Generation ermittelt werden.
Der Zeitpunkt, an dem die ersten überwinternden Adulten von C. picta in den Apfelanlagen gefangen werden, ist wichtig für den Einsatz von effizienten Bekämpfungsstrategien. Aus langjährigen Erfahrungen ist bekannt, dass diese Periode von Mitte bis Ende März dauert. Nach diesen empirischen Daten kann der Beginn der Fänge festgelegt werden, um den tatsächlichen ersten Zeitpunkt des Auftretens in einem Gebiet zu ermitteln. Obwohl der Zeitpunkt des Anflugs witterungsbedingt von Jahr zu Jahr schwanken kann, ist dieses Datum für dasselbe Jahr in Südwestdeutschland, im Elsass und in der Nordschweiz sehr ähnlich, wie aus der nachfolgenden Tabelle zu erkennen ist.



Region 1. Auftreten 2005 Populationsmaximum 2005
Vorderpfalz 22.03.05 KW 13-15
Südpfalz 29.03.05 KW 13-15
Nordbaden 24.03.05 KW 13-15
Mittelbaden 21.03.05 KW 13-15
Südbaden 20.03.05 KW 13-15
Frankreich 24.03.05 KW 13-15
Schweiz 21.03.05 KW 14-16



Diese Information ist ein wichtiger Parameter für die Prognose des Anflugs der überwinternden Adulten in die Apfelanlagen. Diese Tiere tragen eine hohe Konzentration an Phytoplasmen in sich und gelten daher bereits als hoch infektiös. Eine Bekämpfungsstrategie sollte daher schon vor dem ersten Anflug in den Apfelanlagen beginnen.
Die höchste Populationsdichte auf Apfel wird erreicht, wenn die befruchteten Weibchen während der Eiablage relativ sessil sind und leicht abgeklopft werden können. Zu diesem Zeitpunkt findet man vergleichsweise wenig männliche Tiere, da diese bald nach der Kopulation absterben. Die Datenerhebungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass das Populationsmaximum recht einheitlich 2 Wochen nach dem Datum des ersten Auftretens erreicht wird und meistens eine Periode von 2 Wochen umfasst, wie in obiger Tabelle zu erkennen ist. Dieser Zeitraum liegt in Abhängigkeit vom ersten Auftreten 2 Wochen früher oder später, meistens Anfang bis Mitte April.
In dieser Periode wäre eine Bekämpfung der sessilen, befruchteten Weibchen relativ leicht möglich.
Das erste Erscheinen der neu entwickelten Imagines auf Apfel und die nachfolgende Migrationsphase der jungen Adulten ist viel schwieriger zu erfassen, da die Jungtiere viel mobiler sind und nach kurzem wechselnden Aufenthalt auf Apfel ihre Geburtsorte schnell verlassen. In experimentellen Übertragungsversuchen konnte allerdings gezeigt werden, dass diese jungen Adulten die Phytoplasmen noch in der gleichen Saison übertragen können, wenn sie die Phytoplasmen während ihrer Larvalentwicklung auf kranker Pflanze aufgenommen hatten. Da es in dieser Phase schwierig ist, einen geeigneten Zeitpunkt für eine Bekämpfung zu finden, sollte als präventive Maßnahme immer eine sofortige Rodung kranker Bäume erfolgen.

Die vergleichenden Untersuchungen in den verschiedenen INTERREG-Regionen haben gezeigt, dass der biologische Zyklus von C. picta trotz unterschiedlicher geografischer Lage und wechselnden Klimabedingungen sehr homogen verläuft. In der nachfolgenden Tabelle sind daher die beiden wichtigsten Migrationsdaten exemplarisch für die Region Vorderpfalz für alle bisherigen Untersuchungsjahre kombiniert dargestellt.



Vorderpfalz       1. Auftreten             Populationsmaximum     
2003 17.03.2003 KW 13-15
2004 31.03.2004 KW 15-16
2005 22.03.2005 KW 13-15
2006 28.03.2006 KW 15-16
2007 02.04.2007 KW 14-16
2008 18.03.2008 KW 14
2009 31.03.2009 KW 15



Wegen der guten Reproduzierbarkeit dieser Daten können Erhebungen in einer Region repräsentativ auch für benachbarte Gebiete verwertet werden und gebietsübergreifende Kontrollmassnahmen empfohlen werden.



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Bekämpfungsempfehlungen

Eine Bekämpfung von C. picta und C. melanoneura mit Insektiziden wird zur Zeit in den Apfelanbaugebieten Norditaliens durchgeführt. Seit diese Mittel flächendeckend eingesetzt werden, wurde ein drastischer Rückgang der Psylliden-Populationen beobachtet.
Die in Norditalien verwendeten Pflanzenschutzmittel sind jedoch in den Anbaugebieten der INTERREG-Region nicht zugelassen. Vergleichbare Mittel sind nicht bekannt bzw. nicht erforscht.

Die Populationsdichten von C. picta waren in den Anbaugebieten der INTERREG-Region in den Jahren 2006 und 2007 so niedrig, dass eine Bekämpfung mit Insektiziden nicht erfolgsversprechend ist.
Aus diesen Gründen kann im Moment kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln empfohlen werden. Sobald sich diese Situation ändert, werden an dieser Stelle neue Empfehlungen gegeben.

Für einen eventuellen zukünftigen Pflanzenschutzmittel-Einsatz lassen sich anhand der Ergebnisse des INTERREG-Projekts folgende Regeln ableiten:

  1. Da C. picta im Frühjahr hochinfektiös in die Anlagen zurückkommt, sollte eine Bekämpfung als erstes zum Zeitpunkt des 1. Auftretens erfolgen. Dieser Zeitpunkt ist annähernd gleich in allen Anbaugebieten des INTERREG-Projekts. Er wird daher in den Folgejahren zentral im Gebiet Vorderpfalz ermittelt und auf dieser website bekannt gegeben.

  2. Zur Reduzierung der Gesamtpopulation und zur Verhinderung der Entwicklung einer neuen Generation hat sich ein zweiter Bekämpfungstermin im Populationsmaximum in den Versuchen in Norditalien bewährt. Aus den langjährigen für die Vorderpfalz vorliegenden Daten lässt sich ableiten, dass dieses Populationsmaximum immer ca. 2 Wochen nach dem 1. Auftreten erreicht wird.


Da eine direkte Bekämpfung der Überträger der Apfeltriebsucht in den Anbaugebieten der INTERREG-Region zurzeit nicht durchgeführt werden kann, ist es umso bedeutsamer, kranke Bäume in einer Anlage sofort zu roden. Wie unter Hintergrundinformationen -> Bekämpfungsstrategien näher beschrieben, stellen Jungtiere von C. picta, die sich auf einer kranken Pflanze in der Anlage entwickeln konnten, in der Praxis das größte Übertragungsrisiko für die Krankheit da.



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